Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Starrel in der Clenzer Schweiz
und die Geschichte der Bockhütte

Infos und Fotos von  
Erhard Koch, Clenze
Nachlass von Ulrich Kirchhof

 

 

Blockhütte 1930

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Zeichnung zum Turm. Architekten werden erkennen, das es zwei Zeichnungen sind.

 

 

 

 

 

 
Die Bezeichnung "Clenzer Schweiz" ruft bei Ortsfremden ein Schmunzeln hervor. Aber immerhin sind wir hier oben 100 Meter höher als die Kreisstadt Lüchow und im Winter fällt häufiger Schnee als im Jeetzeltal und er bleibt länger liegen.
Es gibt eine Serpentinenstraße, die von Clenze aus auf die Höhe hinaufführt. Sie hat den eigenartigen Namen "Kaffeemühle" (zu dem mir keine überzeugende Erklärung bekannt ist). Aber diese vier Haarnadelkurven, die man  eigentlich als anachronistisch betrachten kann, gehören zum Weltbild der Wendländer und Wehe dem, der die Kaffeemühle begradigen will.

 

Mitte der 1950er Jahre erdreisten sich Verkehrsplaner aus Hannover, eine neue Straße schnurgerade durch das Bergland zu planen und damit der Clenzer Schweiz die Rechtfertigung für ihren Namen zu nehmen. Das erzeugt heftigen Widerstand nicht nur in den umliegenden Dörfern, sondern im ganzen Wendland. 1954 "bittet" der Gemeinderat von Bergen/Dumme im Namen auch anderer Gemeinden von solchen Plänen Abstand zu nehmen. Tatsächlich hört man drei Jahre aus Hannover nichts mehr darüber. Aber 1957 wird man wieder aufgeschreckt. Ein Planfeststellungsverfahren ist schon fortgeschritten. Unwillige Grundeigentümer sollen enteignet werden. Gemeinden, Einwohner der Dörfer und Eigentümer erheben Widerspruch. Der Kreisausschuss und der Kreistag lehnen einmütig die Pläne ab. Die Elbe-Jeetzel-Zeitung schreibt im August: "Der Kampf um die Erhaltung der Clenzer "Kaffeemühle", zu dem die Straßenbaudirektion in Hannover ... herausgefordert hat, nimmt diesmal, wie wir vorausgesehen haben, weit schärfere und leidenschaftlichere Formen an als vor einigen Jahren." Harry Halbom wendet sich in der Allgemeinen Zeitung für die Lüneburger Heide mit einem Appell, einem "Notruf", an die Einwohner im Nachbarkreis Uelzen.

Serpentinen in der Clenzer Schweiz (EJZ 1957)
Was letztlich die Beamten in Hannover zur Rücknahme der Pläne bewegt hat, geht aus den vielen Zeitungsartikeln nicht hervor. Jahrzehnte später heißt es in der mündlichen Überlieferung, dass die Eigentümerin des meisten Geländes, Godula von dem Knesebeck in Korvin, durch ihre konsequente Weigerung, Land abzugeben, die Landschaftszerstörung verhindert hat.

Einige Zeitungsartikel von damals: 1 2 3 4.
Und ein kleines Video von 2010 auf www.youtube.com.

 

Von der Kaffeemühle erreichen wir als nächsten Ort das kleine Dorf Starrel.

Hier wohnen Hildegard und Ulrich Kirchhof. (Portraits aus späterer Zeit)

Ehepaar Kirchhof entscheidet sich 1954, die Blockhütte zu übernehmen. Ulrich Kirchhof arbeitet aber weiter in seinem Beruf als Vertreter für Gastronomiebedarf, denn als existenzsichernd kann das Lokal kaum geführt werden.

 

In den Nachkriegsjahren war es dem damaligen Pächter der Blockhütte nicht gelungen, den Betrieb wieder rentabel zu führen. Das früher so zahlreich erschienene Publikum aus dem Kreis Salzwedel ist nun durch die Grenze abgeschnitten.
Als die Kirchhofs 1954 den Betrieb übernehmen, hat sich die Situation schon etwas geändert. Es gibt eine neue Welle der Lust an Sonntagsausflügen. Von Lüchow werden die Postbusse an Wochenenden für regelmäßige Sonderfahrten zu den Kaffeegärten an der Schwedenschanze auf dem Höhbeck und an der Blockhütte in der Clenzer Schweiz eingesetzt.

 


Also warum in die Ferne schweifen? Wenn man mit dem Bus oder mit dem neuen Goggomobil die Kaffeemühle hochgekurvt ist und kommt in diese Blockhausidylle, darf man sich wie in der echten Schweiz fühlen. (Links das massiv gebaute Haus mit größeren Gasträumen.)

 


An der Blockhütte um 1960.

 

Innen

 

Um das Ausflugsziel noch attraktiver zu machen, wird ein Wildschweingehege eingerichtet und Ulrich Kirchhof baut einen kleinen "Märchengarten" mit Miniaturhäuschen.
 
 

 

An Sommerwochenenden herrscht sichtbar Betrieb. Bis zu 200 Sitzplätze können Kirchhofs anbieten.

 

 

 Zwar gibt es in so manchem Winter tatsächlich gute Möglichkeiten zum Skifahren, aber die Einrichtung von Sesselliften wäre wohl übertrieben. Und so bleibt die Blockhütte im Winter geschlossen.
 

 

Zu den Stammgästen im Sommer gehört Emmi Koch aus Kassau, die häufig Besuch aus dem großen Verwandtschaftskreis bekommt. Dann heißt es: Auf zum Kaffeetrinken in der Bockhütte.
 


Das Kaffeeservice vom obigen Foto existiert noch.

 

 
Im Laufe der Jahrzehnte sind viele Bäume hoch gewachsen, so dass der Fernblick nicht mehr gewährleistet ist. Deshalb wird 1971 ein Aussichtsturm gebaut. Die Initiative geht 1969 vom Gemeinderat in Clenze aus. Es dauert allerdings zwei Jahre, für die Finanzierung weitere Gemeinden und den Landkreis zu gewinnen. Zur Einweihung sind dementsprechend einige Honoratioren anwesend und als zum Aufstieg ermuntert wird, schreibt der Lokaljournalist von der EJZ: " ... stand nun mancher der gewichtigen Herren vor keiner leichten Aufgabe, denn 22 m sind doch schon eine beachtliche Höhe."        Der ganze Artikel.
 
Ulrich Kirchhof betreibt die Blockhütte auch nach dem Tod seiner Frau (1978) weiter, insgesamt 32 Jahre lang bis 1986.
 
Die drei Farbfotos wurden 2007 aufgenommen. Die Blockhütte stand zu dieser Zeit verwaist und es schien, dass hier nie wieder Kaffee ausgeschenkt würde. Aber im Frühjahr 2010 machte sich Silke Rühmann mit großer Tatkraft daran, den Platz wieder zum Leben zu erwecken.
 
Ihr umfangreicher Freundeskreis, zum Teil aus  Österreich, wo sie im Winter arbeitet, hat sicherlich nicht nur zur Instandsetzung von Lokal und Kaffeegarten beigetragen, sondern auch kräftig Werbung für die agile neue Wirtin gemacht. Das schließe ich aus dem nebenstehenden Video, das ein anonymer Dennis auf www.youtube.de veröffentlicht hat. Sie finden dort leicht weitere Videos von ihm. Wer auch immer "DennisWeltweit" ist, offensichtlich ist auch er in die  Clenzer Schweiz verliebt.
   
 


Wir blicken wieder zurück in die 1950er Jahre. Willi und Emmi Koch (links) haben mit ihren Gästen einen Ausflug zur Blockhütte gemacht. Von Familie Koch erfahren wir auf der nächsten Seite Ausführliches über das Leben auf ihrem Hof in

Kassau
 

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