Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Dannenberg (Elbe)
Hochwasser im Winter 1946/47

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Als Flüchtlingskind in Nebenstedt (pdf)

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Dannenberg (Elbe) liegt einige Kilometer von der Elbe entfernt. Dem Namen nach scheint es an der Elbe zu liegen. Tatsächlich lag es früher sehr häufig in der Elbe.
In dieser Website ist an vielen Stellen vom Wasser die Rede. Auch für Dannenberg war es bis zur Fertigstellung der Jeetzelregulierung das Thema Nummer eins. Statistiken und Details über Planung und Bau des Kanalsystems in den fünfziger Jahren, die ich hier nicht abschreiben will, findet man in dem Buch Jeetzeldeichverband Dannenberg.

Anschaulich schildert Meinhard Kipplaß, wie er als zehnjähriger Junge das 47er Hochwasser erlebt hat.

   
 
Trotz der strengen Frosttage hat sich auf der Elbe Hochwasser gebildet.
Kein Mensch kann sich hier erinnern, bisher ein Winterhochwasser in dieser Höhe erlebt zu haben. Noch droht keine unmittelbare Gefahr.
Wenn wir Schulkinder am Morgen nach Dannenberg zur Schule gehen, können wir ein seltsames Schauspiel erleben. Wir bleiben an der Jeetzelbrücke stehen und sehen, wie der Fluss rückwärts in Richtung Quelle fließt. Die Elbe bei Hitzacker drückt das Wasser in den Nebenfluss, so dass dieser diese Wassermenge in das Hinterland abgeben muss.
Zusätzlich haben sich auch noch Eisschollen gebildet, welche die unmittelbar am Ufer liegenden Dannenberger Häuser in der Nähe der Brücke gefährden. Unser Lehrer Schaal, der in einem dieser Häuser wohnt, hat eine lange Stange in der Hand und versucht damit, die Eisschollen von den Häuserwänden fortzudrücken. Das sieht verdächtig nach schulfrei aus. Aber es wohnen ja leider nicht alle Lehrer an der Jeetzel.

Der Schulplatz, der unmittelbar an den Fluss grenzt, ist schon merklich kleiner geworden. Das Wasser erreicht sicher bald die Schule.
Das Hinterland hinter dem Deich in Nebenstedt besteht mittlerweile nur noch aus einem großen See, der jeden Tag immer etwas mehr den Deich hochsteigt. Vor dem Deich bilden sich die ersten Wasserstellen, die durch das hochsteigende Grundwasser entstehen. Alle Wasserflächen sind bald mit Eis überzogen, das am Anfang noch relativ dünn ist und beim Begehen durchbiegt. Es wird daher von uns Kindern als Biegeeis bezeichnet.
Wir Kinder holen unsere Schlitten und fahren auf der Innenseite des Deiches den Deich hinunter, wobei der Auslauf für den Schlitten von dieser Eisfläche gebildet wird. Die Eisfläche bröckelt dabei am Deichrand bei jedem Hinabfahren etwas ab, was uns aber nicht beeindruckt, weil die noch kleine Wasserspalte vom Schlitten mühelos überwunden wird.
Die Erste, die sich nicht mehr auf diese Tatsache verlassen kann, ist C. W. Der Schlitten bohrt sich, statt auf das Eis zu gleiten unter die Eisdecke. Als sie sich an das Ufer retten will, bricht sie auf der sich in Wellen biegenden Eisdecke ein und steht bis zum Bauch im Wasser. Dabei fängt sie jämmerlich zu weinen an und macht keine Anstalten wieder an Land zu kommen.

Da ich ihr helfen will, begebe ich mich von der Seite aufs Eis und will sie mit den Händen auf das Ufer ziehen.
Aber das Eis ist nun so bröckelig geworden, dass auch ich einbreche und ebenfalls bis Bauchhöhe im Wasser stehe. Gemeinsam, Hand in Hand waten wir nun an Land und frieren jämmerlich. Jetzt können wir nicht schnell genug nach Hause gelangen.
C. erhält zu Hause noch zusätzlich zu ihrem Leid eine Tracht Prügel, was durch die Wand mühelos zu vernehmen ist. M. hat nämlich alle Register ihrer Lautstärke gezogen.  Ich komme bei meiner Mutter glimpflich mit einer Schelte davon.
Das Hochwasser steigt ständig.
1947 in Dannenberg aufgenommen.In Dannenberg kann die Straße nicht mehr normal begangen werden. Deshalb sind auf den Bürgersteigen Stellagen am Rand der Häuser aufgestellt worden, über die der Fußgänger sein Ziel erreichen muss.
Der Schulweg führt ebenfalls über diese Hindernisse. Für uns Schulkinder ein besonderes Erlebnis. Die Schule kann nicht mehr über den Eingang des Schulhofs erreicht werden, sondern nur noch durch den Vordereingang, der wie bei vielen Schulen so üblich, normalerweise geschlossen bleibt.
Auf dem Schulweg wird schon einmal geschubst und gestritten. Bei einem dieser Rangeleien fällt dann auch prompt einer der Schüler von der Stellage ins kalte Wasser. Damit ist für ihn die Schule für diesen Tag beendet und er läuft, nachdem er wieder festen Boden unter den Füßen hat, schreiend nach Hause.
1920 in Dannenberg aufgenommen.
In Nebenstedt spitzt sich die Lage durch das Hochwasser allmählich zu. Die Gefahr, vom Wasser überflutet zu werden, droht weniger vom Deich im Ort, der uns vor der noch immer ansteigenden Jeetzel schützt. Zwar fehlen auch hier nur noch wenige Zentimeter, bis das Wasser die Deichkrone erreicht, die Hauptgefahr kommt aber vom Elbdeich in
Damnatz. Dort steht der Wasserpegel nur kurz unter der Deichkrone. Der Deich wäre schon lange gebrochen, wenn der Frost ihn nicht zusammenhielte. Anderseits drohen sich auftürmende Eisschollen den Deich schnell zu zerstören.
Alles im Dorf hat sich auf Hochwasser eingestellt. Viele Bauern befördern ihr Vieh über die strohbedeckte Treppe auf den Dachboden. Einige wollen die Tiere irgendwo hinter Gusborn unterbringen.
1920 in Dannenberg aufgenommen.
Dort gibt es genügend Bodenerhebungen, die nicht vom Hochwasser erreicht werden können. Der Höhbeck mit seien 75 Metern Höhe nahe der Elbe ist die höchste Erhebung und in dieser Hinsicht absolut sicher. Die Menschen dort werden von uns beneidet, da sie keine Probleme mit dem Wasser haben.
Es wird spekuliert, wie lange es dauert, bis das Wasser bei einem Elbdeichbruch bei uns aufläuft, und wie hoch dann der Wasserspiegel an den Häusern stände.
Am meisten fürchtet man dieses Ereignis zu nächtlicher Zeit. Wir schleppen alle wichtigen Dinge auf die erste Etage und haben uns mit den notwendigen Lebensmitteln, die zu erhalten waren, eingedeckt.
Das Wasser im Brunnen ist fast bis zur Höhe der Erdoberfläche gestiegen und muss regelmäßig vom Eis befreit werden.
1920 iin Dannenberg aufgenommen.
Es gibt nur noch ein Gesprächsthema, nämlich das Hochwasser.
Die Eisdecke hinter dem Deich hat eine beträchtliche Dicke erreicht.
Als die Lage in Damnatz äußerst kritisch wird, kommt die Meldung, dass der Deich auf der anderen Elbseite bei Dömitz gebrochen ist. Dadurch wird das aufgestaute Wasser nach Mecklenburg abgeleitet und es tritt auf unserer Elbseite eine deutliche Entspannung ein, die das Wasser absinken lässt. Alle Menschen atmen auf, wenn man sich auch darüber klar ist, dass diese erfreuliche Lage auf Kosten der Bewohner der anderen Elbseite eintritt.
1921 in Dannenberg aufgenommen.
Man kann Dannenberg jetzt auch bequem hinter dem Deich erreichen und so den Schulweg abkürzen. Mutter hat mit einer Tauschaktion gegen Lebensmittel ein Paar Schlittschuhe für mich erworben. Der Hohlschliff ist zwar schon lange heraus, und die Kufen sind schon rund abgelaufen.
Wir laufen hinter dem Deich auf der spiegelblanken Eisfläche. Am Anfang ist das Laufen recht mühsam, weil die Schlittschuhe immer wegrutschen. Nach einigen Tagen Übung habe ich mich trotz des fehlenden Hohlschliffs schon gut eingelaufen.

Die kilometerlange Eisfläche setzt uns keine Grenzen. Das Rückwärtslaufen ist für uns eine besondere Freude und beweist unser zunehmendes Können. Da der Wasserspiegel zu fallen beginnt, ist in Deichnähe die Eisfläche so abgeschrägt, dass wir sogar beim Starten vom Deich her bergrunter laufen müssen.
Das Anbringen der Schlittschuhe am Schuh wird mit einem Schlüssel, dem Nudler, vorgenommen. Dabei müssen wir beachten, die Schuhabsätze zu schonen, da sie sonst abreißen. Wegen des knappen Schuhwerks wäre der Spaß ohne Absatz schnell vorbei. Zusätzliche Riemen um den Schuh minimieren das Risiko.
 Oft wird nun, da das Wasser gefallen ist, der Schulweg mit Schlittschuhen über die Eisfläche hinter dem Deich genommen. Das ist eine willkommene Abwechslung und macht uns viel Freude. Nach vielen Tagen liegt das Eis zerbrochen auf dem Boden und der Spaß ist vorbei.
Mitten im kalten Winter beschließen wir, Oma und Opa in B. G. zu besuchen.
Das ist in dieser Zeit keine so leichte Aufgabe, da die Züge immer voll besetzt sind, und die Menschen sich teilweise außen an die Wagen klammern, um überhaupt befördert zu werden.

Mehr von Meinhard, auch über einen Besuch im zerstörten Köln, Vollständiger Bericht.

 

 

Fotos von 1963. Fußgängerbrücke über die nun "Alte Jeetzel" in Dannenberg. Der Kanal ist fertiggestellt. Hier an der eigentlichen Jeetzel droht
jetzt kein Hochwasser mehr.

 

 


 

 
 

In der Tour lassen wir auf der nächsten Seite wieder Heinrich Wolter zu Wort kommen. der aus der Sicht der alteingesessenen Bauernfamlie die Aufnahme der Flüchtlinge beschreibt.

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