Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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1910 bis 1922 in Wibbese

 

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Johann Christoph Kofahl verunglückt 1911  mit 56 Jahren tödlich. Er hat fürs Dorf die Milch zur Molkerei zu fahren. Dabei gehen ihm die Pferde durch, er fällt vom Wagen und ist sofort tot. Unfälle im Straßenverkehr gibt es also auch schon ohne Motorisierung.
Der älteste Sohn Heinrich Kofahl, geboren 1883, ist Hoferbe und hat den Hof um diese Zeit schon übernommen.


Typische Milchabholung in Mützingen aufgenommen in den 30er Jahren.
(Foto Peter Hoffmann)

 
Es ist weiterhin Erbschaftsgesetz, dass Höfe nicht geteilt werden. Auch  Heinrich erbt den Hof als Ganzes und alle Geschwister müssen vom Hof gehen. Neben der üblichen Aussteuer erhalten sie nichts, denn dann würde der Hof kaputt gehen. Alle müssen zusehen, dass sie auf eigene Füße kommen. Sie schaffen es alle:
Wilhelmine wird nach Gutitz auf der anderen Seite der Elbe verheiratet. Wilhelm wird Zimmermann. Bernhard heiratet eine Witwe mit Sohn in Mehlfien, die einen Hof besitzt. Hermann wird Schuster. Anna heiratet einen Witwer mit zwei Töchtern in Gureitzen. Martha hat eine Stellung beim Bauern.
Die beiden jüngsten  Töchter Emma und Lina sind noch auf dem Hof, als 1914 der Krieg beginnt und ihr Bruder Heinrich an die Westfront beordert wird. Die Mutter muss nun den Hof ohne Mann und Sohn mit Linas und Emmas Hilfe bewirtschaften.
Heinrich wird verwundet und schreibt aus dem Lazarett in Bonn-Beul:

"An Familie Kofahl in Wibbese, Post Groß Wittfeitzen Krs. Lüchow, 20. Mai 1915
Liebe Mutter, Lina und Emma
Ich habe alle Tage auf Brief gewartet. Ich denke nun, daß ihr mich Pfingsten überraschen wollt mit Besuchen. Das laßt man sein, da ich mit allen Operationen durch bin, denke ich, werde ich nach dort kommen. Ich werde den Doktor fragen, ob er es so machen kann. Sonst werde ich Euch in den nächsten Tagen schreiben, wie ihr es machen sollt, denn ich bin bald so weit. Und dann ist es ebenso gut, wenn ich da bin. Herzliche Grüße und frohe Pfingsten.  Heinrich
Reservelazarett Bonn-Beul“

Hermann Bischoff ist Nachbar von Heinrich Kofahl und etwa im gleichen Alter. Er erzählt später vom Leben in Wibbese:
"Um 1912 hatte mein Vater immer zwei Zuchtpferde und ein Fohlen, die später verkauft wurden. Mehr Pferde konnten wir uns nicht halten, da nicht genügend Futter vorhanden war. Wir hatten 18 Morgen Wiese. Das Gras musste alles mit der Hand abgemäht werden. Nachdem wir morgens das Vieh versorgt hatten, ging es zwischen 6 und 7 Uhr los zum Mähen. Bis Mittag musste ein Mann einen Morgen abgemäht haben. Den ersten Grasmäher erhielten wir 1927. Ein Nachbar hatte schon einen Grasmäher, den er aber nicht benutzte, weil ihm das mit den Pferden davor zu gefährlich war.

Bis 1904 hat mein Vater das Korn mit dem Dreschflegel aus dem Getreide geschlagen. Dann bekamen wir die erste Dreschmaschine, die mit Pferden über einen Göpel angetrieben wurde. Die kleinen Bauern fuhren nach Mützingen zum Schmiede-Schulze, der schon eine große Dreschmaschine hatte.
Zum Ernteball in Wibbese wurde ein kleines Zelt an den Saal  bei Kassens aufgebaut. Da die Tanzfläche sehr klein war, holten die Musiker die Hälfte der Gäste zum Tanzen. Nachdem sie ihre Runden gedreht hatten, wurden sie abgewählt und die andere Hälfte wurde zum Tanzen hereingeholt.“


Dieses nicht näher bezeichnete Bild zeigt die typische Aufteilung des Hauptgebäudes eines Hofes im Wendland. Links und rechts der Däl (Diele, Scheune), die hier von der "Groot Döör" aus aufgenommen wurde, befinden sich die Ställe. Nach hinten raus erreicht man die kleine Wohnung.
 
In der Zeit ein wenig vorgegriffen noch eine kleine Geschichte aus Wibbese:
Den Heuerschen Hof führt nun ein Bruder von  Maria Katharina. Er ist Schulvorsteher wie vorher sein Vater. Nach 40 Jahren muss 1922 die Schule mal wieder renoviert werden und das kostet 15.000 Mark, was im Juli 1922 einem Wert von 150 Goldmark entspricht. Es ist die Zeit der Hyperinflation. Heuer hat die Schulkasse, aber die ist leer. Im September verlangt der Maler dringend sein Geld und Heuer legt die Summe aus, die jetzt für den Maler nur noch 50 Goldmark Wert ist. Als Heuer im Januar 1923 die 15.000 Papiermark zurückerhält, bekommt er dafür gerade noch 5 Goldmark. Im Grunde haben also der Maler und der Bauer Heuer die Instandsetzung der Schule bezahlt.
Am Ende fehlt bei der Prüfung der Schulkasse ein Beleg über die Zahlung. Kurz entschlossen legt der Lehrer stattdessen die 15.000 RM aus eigener Tasche wieder in die Kasse.
Das Papier für einen Beleg wäre teurer.
Unsere Hauptperson Lina Kofahl kann gegen Ende des Weltkrieges auf dem Hof in Wibbese entbehrt werden. Sie muss ihren Weg finden und dazu gehört in erster Linie ein Mann. Sie findet eine Stellung beim Bauern Gause in Langenhorst. Bevor wir dort ihre Spur weiter verfolgen, kommen wir zu einer anderen Familie Kofahl in

Waddeweitz

(Anmerkung zu den Namen Kofahl und Tribian)

 

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