Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Langenhorst 1910-1922

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Ein kurzer Abstecher zu einem zurückliegenden Thema.
In der Mitte des 19.Jahrhunderts reihten sich auch viele Wendländer in die große Auswanderungswelle nach Amerika ein. Dazu gehörten auch Heinrich und Minna Maatsch aus Langenhorst. Es gelingt Heinrichs Bruder den Hof Maatsch ohne Schaden durch die Notzeiten zu führen. Seine Tochter Luise haben wir kürzlich auf der Tour in Jameln als Frau des Bernhard Kraul kennen gelernt. Fast Hundert Jahre nach der Auswanderung gelangt folgendes Foto aus Illinois an die Nachfahren der Luise geb. Maatsch in Jameln.
 
Es trägt rückseitig folgende Daten (aus dem Englischen übersetzt):
"Vater Henry Maatsch,
Mutter Minna Maatsch,
ältester Sohn Henry,
älteste Tochter Tillie,
jüngere Tochter Emma,
der Jüngste ist Otto.
Nur Henry und Tillie leben noch.
Henry ist auf dem Foto 15 und Tillie 14 Jahre alt.
Vater starb 1891 im Alter von 49.
Mutter starb 1906 im Alter von 53.
Otto starb 1935 im Alter von 54.
Emma starb 1940 im Alter von 64.
Du kannst dieses Bild behalten, wenn du willst."
Original  
Oft bleiben Fragen offen. Laut Auifschrift zwei Söhne, zwei Töchter. Abgebildet offensichtlich Drei Mädchen und ein Junge. ???
1883 Auswandererfamilie Maatsch aus Langenhorst in
Bloomington, Illinois. Nach dem Tod des Vaters wohnt
die Mutter mit Emma und Otto in Cook, Illinois, zusammen
mit dem fahrenden Schuster Albert E. Gage.
 
Im Jahrzehnt nach 1910 treffen wir mehrere Spuren in Langenhorst.
Auf dem Foto das Haus der Familie Lodders.

Die Familie Maatsch führt ihren Hof wohlhabend weiter und hat Verwandte unter den Gastwirten von Dannenberg, Penkefitz und Jameln (Luise Kraul).

Vom Hof Gause wissen wir, dass der einzige Sohn im Weltkrieg an der Front ist.

Ein Hof wird verpachtet. Diesen wollen wir genauer beobachten:

 
Bis 1910 hat Ernst Grebien die kleine Landwirtschaft in Tarmitz erfolgreich ausgebaut. Aber Eigentum hin oder her. Der Hof lässt sich hier nicht weiter vergrößern. Er pachtet sich 1910 einen Hof von 105 Morgen in Langenhorst. Seine Schwester Minna geht mit ihm. Sie treiben ihr Vieh, das sie sich im Laufe der Jahre erworben haben, querfeldein von Tarmitz über Rehbeck und Weitsche bis Langenhorst.
Die Eltern behalten in Tarmitz eine Kuh, zwei Schweine und Hühner und vermieten einige Räume im Haus. Das Pachtland geben sie auf.
 
Langenhorst liegt noch näher an der Jeetzel als Tarmitz, wo Ernst in diesen Jahrzehnten auch jährliche Überschwemmungen gewohnt war.  In Langenhorst lernt er zu allen seinen anderen Fähigkeiten noch das Fischen. Besonders gern stellt er Aalreusen auf, weil das wenig Zeit erfordert.
Auf dem heutigen Luftbild erkennt man noch die alte Jeetzel in ihrem mäandrierendem Verlauf um Langenhorst herum. Das Dorf liegt auf einer kleinen Anhöhe. Zu Grebiens Zeiten ist es häufig von Hochwasser umgeben. Heute ist die Wasserführung dieser "Alten Jeetzel" durch Kanalbau reguliert und die Kühe stehen im Trocknen.
Während des Weltkriegs ist Ernst Mitte 30 und wird nicht an die Front geschickt.
 
Es ist wenig bekannt darüber, dass auch im Ersten Weltkrieg zahlreiche Kriegsgefangene in der Landwirtschaft (und in anderen Bereichen) eingesetzt wurden. Auch im Wendland wurden die Höfe nicht nur von den Frauen und älteren Männern betrieben. In Langenhorst oder in einem Nachbardorf gab es ein Gefangenenlager. Über die Unterbringung ist nichts überliefert. Erzählt worden ist aber, dass Ernst Wachmann war (siehe Foto) und die Kriegsgefangenen vom Lager zur Arbeit auf den Höfen/ Feldern und zurück bewachen musste. Er kann auf diese Weise seine eigene Landwirtschaft ohne Arbeitskräftemangel weiter betreiben.

Es gibt keine gesicherte Auskunft zu dem Foto. (Spät im Nachlass gefunden.) Wahrscheinlich gehört es zu nebenstehendem Text.
 


Aus Vasenthien gibt es ein Foto von eingezäunten Kriegsgefangenen auf dem Dorfplatz.

 
Ernst Grebien hat nun schon lange das heiratsfähige Alter erreicht. Die Familienüberlieferung sagt nichts darüber aus, warum er noch keine Frau hat. Wahrscheinlich hat er sich bisher keine Zeit für Vergnügungen und Frauensuche genommen. Das würde am ehesten zu seinem Charakter passen.

Im letzten Jahr des Krieges arbeitet auf dem Hof Gause in Langenhorst eine jüngere Frau, die wir schon aus Wibbese kennen, nämlich Lina Kofahl aus Wibbese. Sie kann jetzt auf dem elterlichen Hof entbehrt werden und muss sich um ihre eigene Zukunft sorgen.  Sie hat einen Mann im Auge, der für sie aber unerreichbar ist. Gleichzeitig versuchen die alten Gauses, also ihre "Herrschaft", Lina als Frau für ihren Sohn zu gewinnen, der an der Front ist. Er soll den Hof mal übernehmen und Gauses halten Lina für eine tüchtige Bäuerin.
Zum dritten wird Lina von Ernst Grebien umworben. Der ist zwar 14 Jahre älter als sie, aber er gewinnt ihre Zuneigung und bietet ihr Schutz bei all den Konflikten. Im Dorf versucht man ihn nun ins schlechte Licht zu rücken. Aber sie lässt sich durch das Langenhorster Gerede nicht von Ernst abbringen.
Als sie sich ein paar Tage nicht sehen können, schreibt Ernst ihr einen Liebesbrief. Einige Stellen sind leider nicht mehr entzifferbar:
 
"Tarmitz, den 28. März 1918
Meine herzgeliebte Lina,
verweile augenblicklich in Tarmitz. Es ist mir immer eine Freude, wenn ich hier sein kann in meinem trauten Heim. Hier in aller Ruhe, wie immer so gedenke ich auch heute dein. Da es mir nicht noch möglich ist, um genug Verabredung mit Dir zu halten, lasse ich Dir diese paar Zeilen zukommen. Liebe Lina, wenn ich auch in letzter Zeit in Langenhorst nicht viel Erfreuliches....
Darum geliebtes Herz achte nicht auf das Geschwätz anderer Menschen, die immer Unfrieden erwecken wollen. Aber dennoch fürchte ich mich nicht, bin meiner Sache gewiß, habe ich Dich einmal als der Friede und Trost meines Lebens auserkoren und hoffe gegenseitiges auch von Dir. Viel Leid und Schmerz, geliebtes Herz, hast Du mit durchmachen müssen. Fasse nur frischen, frohen Mut, verlaß Dich nur auf den allmächtigen Gott, der alles wohl zu führen versteht. Der wird auch fernerhin uns helfen. Bei unserem letzten gemeinsamen Treffen, da wir uns unterhielten über
zukünftige Zeiten, ...... wollen wir beiseite schieben, denn wir wandeln im Glauben und nicht im ...... Nur frohen Mut und freien Sinn mag alles. Für heute Schluß. Unter vielen tausend Grüßen und Küssen verbleibe ich Dein Ernst.“
 
Über den Fortgang der Geschichte hat später die Tochter Lydia aufgeschrieben:
 
Der Pachthof von Ernst Grebien in Langenhorst. (Foto aus späterer Zeit). "Am 8. November 1918 heirateten meine Eltern. Meine Mutter war schwanger. Am 4. Februar 1919 wurde meine Schwester Elfriede geboren. Der Name sollte bedeuten: Ernst-Lina-Friede. Sie wollten sich daran halten. Doch schon im Wochenbett der Mutter kam es zum Unfrieden. Der Gerichtsvollzieher ging durchs Haus in den Kuhstall und klebte an mehreren Kühen den Kuckuck an. Das heißt, die Kühe gehörten meinem Vater nicht mehr. Wie kam es dazu?"
"Mein Vater, der seiner Mutter versprochen hatte, sich um den jüngsten Bruder Wilhelm zu kümmern, hatte für ihn Bürgschaft geleistet, als der sich ein Haus kaufen wollte und nicht das Geld dafür hatte. Wie es oft so ist, wurde die Bürgschaft fällig und es kam zur Zwangsvollstreckung, weil mein Vater natürlich auch kein Bargeld hatte. Es wurden die Kühe gepfändet.
Von da an hat meine Mutter die geldlichen Angelegenheiten übernommen, da mein Vater zu gutmütig war."
 
Unter Linas Regie erholt sich die junge Familie Grebien bald von diesem finanziellen Schlag und in den nächsten Jahren erwirtschaftet sie ein kleines Vermögen, dass ihr den Kauf eines Anwesens in Grabow ermöglicht. Dort wird diese Spur fortgesetzt.
 


In der Tour beschreiben wir auf der nächsten Seite den wendländischen Rundling Naulitz, der zwar heute nur noch in Fragmenten als solcher zu erkennen ist, aber Anfang des Jahrhunderts noch in voller Ausprägung existierte.

Naulitz
 

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