Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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1893
Zwischen Tiesmesland und Dötzingen

Mit Hilfe von Irene Burmeister

 Bereich

 Um 1900

 noch früher

 Dolgow

 Tießau

 Jameln

 Wibbese

 Tarmitz

 Eisenbahnen

 Wustrow

 Lüchow 1

 Lüchow 2
 Nauden

 Sareitz

 

 

 

 

 

 

 
Die Dörfer am Elbufer zwischen Hitzacker und Neu Darchau sind eng mit der Schifffahrt auf der Elbe verbunden. Das Hinterland mit dem nördlichen Drawehn ist steigungsreich ("bergig" wäre übertrieben). Schon seit 1873 können die Menschen hier eine Bahnlinie erreichen und sind so mit der Welt verbunden. Man schippert auch viel auf der (und über die) Elbe und hat jenseits im ebenfalls lüneburgischen Amt Neuhaus starke Kontakte.
Kalksandesteinwerk in Tießau um 1910.Dagegen sind die Straßenverhältnisse so, dass man nicht von "Straßen" reden kann. Sandwege verbinden die Orte notdürftig.
Dabei gibt es größere Gewerbebetriebe in diesen Elborten. Das Kalksandsteinwerk in Tießau und die Ziegelei in Schutschur transportieren ihre Produkte auf der Elbe. Die Ziegelei hat eine ansehnliche Größe mit eigener Tongrube und regelrechtem Bergwerksstollen. Eine Lorenbahn führt zum kleinen Hafen.
Zwischen Hitzacker und Tießau unterhält das Gutshaus Dötzingen (wo später Claus von Amtsberg geboren wird) das Forsthaus Junkerwerder.
Der dortige Gutsförster ist verheiratet mit Luise geb. Herfurth, einer Förstertochter aus dem Raum Helmstedt, und 1893 erhalten sie Besuch von Luises deutlich jüngerer Schwester Marie, die hier zwischen März und Mai 1893 einige Wochen verbringt.
Marie, genannt Suse, schreibt ein Tagebuch, das 2001 in kleiner Auflage veröffentlicht wurde und nur noch schwer erhältlich ist. Ihre detailreiche Beschreibung von Land und Leuten und ihr Flirt mit dem jungen Lehrer Adolf Tribian sind amüsant zu lesen.

Undatierte Ansichtskarte.
Schloss Dötzingen bei Hitzacker.

 

Ergänzung eingefügt Juli 2013

Die Schüler der Schule in Tiesmesland mit dem jungen Lehrer Adolf Tribian 1893. Das Foto fand Monika Ilsemann, deren Großvater sich hier unter den Schülern befindet.
Adolf Tribian aus Dolgow hat zu diesem Zeitpunkt gerade sein Studium in Verden/Aller beendet und in Tiesmesland seine Referendarstelle angetreten. Aus Suses Aufzeichnungen geht hervor, dass er sich engagiert um die Schüler kümmert, auch die Eltern aufsucht, wenn der Schulbesuch allzu sporadisch ist, und dass er überhaupt ständig zwischen den Dörfern zu Fuß unterwegs ist, zumal er nicht im Schulhaus in Tiesmesland, sondern bei einem Bauern in Tießau wohnt. Er hilft, wo er kann, spielt mit den Bauern im Gasthaus von Emma Wichtental Karten und flirtet mit Suse ...

rAdolf Tribian

Suse ist mit der Bahn in Hitzacker angekommen (vermutlich über Magdeburg und Dömitz). Mit ihren 16 Jahren ist sie voller Spannung auf diese für sie andere Welt und notiert mit spritzigen Worten ihre Beobachtungen und manchmal unerklärlichen Gefühle.
Sie nennt ihre Schwester "Ise" und "Mume" ist ihre Nichte, die schon älter ist, als sie selbst und sie am Bahnhof abgeholt hat.
Suses Aufzeichnungen in Ausschnitten:

"Mume ging mit mir nach dem Schloss, was Dötzingen heißt, wo Graf Oeynhausen wohnt, der meines Schwagers Herr ist. Die Mamsell, eine alte hässliche Jungfer, gab uns auch Kaffee, der gar nichts kostete. Nun habe ich doch die halbe Mark (am Bahnhof) umsonst ausgegeben.

Suse. Marie Herfurth.

So'n oller Krüppsetzer fuhr uns auf einem kleinen Leiterwagen, wo auch noch Futter für die Hirsche drauflag, hierher. Meine Schwester freute sich sehr. Mein Schwager war auf Saujagd, die Jungen saßen alle in der Stube herum und kicherten in sich rein. Ich vergaß es wirklich, dass ich mir vorgenommen hatte, ihnen imponieren zu wollen. Wie sie da alle saßen und wie ich mir dachte, dass ich die Tante von der ganzen Kolonne sei, musste ich auch so lachen, es ist auch zu drollig. Der kleinste ist mein Liebling, er ist sehr schlau.

Suse. Marie Herfurth.

Das Forsthaus Junkerwerder um 1900.
Blick von der Wiese an der Elbe auf das höher am Waldrand gelegne Forsthaus. Weitere 100 Jahre früher hat es hier keinen Wald sondern Heideland gegeben und das Anwesen war eine Schäferei.
 
 ....
Ich schummele mich immer mal weg. Heute morgen habe ich in der Stube gesessen, wo es warm war, als Ise gefüttert hat. Ise hat kein Mädchen wie wir zu Hause, sie macht alles allein und ist sehr fleißig, dass ich mich schämen muss, aber ich will ihr helfen, soviel ich kann. Die Kinder sind zur Schule den ganzen Tag und mein Schwager auf Jagd.
Als ich heute früh noch im Bett lag, hörte ich solch schreckliches Tuten, als wenn zu Haus Feuer gemeldet wird. Ich dachte, es wäre ein Unglück passiert und sprang aus dem Bett und lief nach meiner Schwester, die mich furchtbar auslachte und sagte, das wäre ein Elbdampfer.

Heute war Herr Tribian hier. Ise sagte, wir wollten auch noch nach Tießau gehen und Speck in den Rauch tragen. Dann hat er auf uns gewartet. Während Ise die Schweine gefüttert hat, haben wir mit Gustav gespielt, und Herr Tribian hat Kartenkunststücke gemacht, die ich nicht verstehe. Dann sind wir zusammen nach Tießau gegangen und er hat den schweren Speck, den Ise in einen Sack gesteckt hat, ganz allein runtergetragen. Der arme Mensch hat sich mit unserem Futter so quälen müssen. Wir sind bald wieder umgegangen, denn mein Schwager musste bald zurückkommen. HarlingenDa ist Herr Tribian auch wieder mitgegangen. Man kann sehr schlecht gehen in den Wegen mit tiefem Sand, beinah wie ein Maulwurf muss man wühlen, ich sagte das auch. Da bot er mir seinen Arm an, und ich nahm ihn auch, meine Schwester ging hinterher, und ich weiß nicht, ich habe sie dann gar nicht mehr gesehen. Ich rief ihren Namen und Herr Tribian sagte, ich sollte mich doch nicht fürchten, sie wäre jedenfalls oben langgegangen. Es war schon ganz dunkel und fing auch ein bisschen an zu regnen, aber das war schön, denn mein Gesicht war mir so heiß. Mir ist der Weg furchtbar kurz vorgekommen. Herr Tribian ging mit bis an das Kuhkoppeltor, von da an sind es nur noch ein paar Schritte bis hier, und dann musste er den langen Weg wieder zurückgehen und es regnete doch. Und ich weiß doch nicht, ob sein Gesicht auch heiß war und ob er das Regnen gern hatte, und ich konnte ihm nicht mal einen Schirm geben. Meine Schwester sagte, es würde schon wieder aufhören, und er hatte unterwegs auch schon gesagt, dass es nicht schadete. Deshalb tut es mir auch nicht leid, dass er mitgegangen ist.
............
Einmal war auch schon Herr Schröder von Meudelfitz hier. Ich hatte ihn mir so als solch ollen verknöcherten Junggesellen vorgestellt, aber das ist er nicht. Ich wollte ihn doch
feste foppen, da traue ich mich nicht ran. Er ist sehr groß und stattlich und hat einen schönen blonden Schnurrbart, einen anderen wie Kruse. Der hat ihn unten gerade geschnitten. Meine Schwester sagt aber, es wäre ein guter Mensch und wer ihn zum Mann bekäme, könnte froh sein. Ich denke es mir furchtbar, solchen Mann mit solchem Bart zum Mann zu haben. Die Männer küssen doch ihre Frauen selbstverständlich, manchmal sollen sie sogar ganz närrisch auf das Küssen sein, und mit solchem Bart. Wie Selterwasser in der Nase, habe ich gesagt, damit ziehen sie mich nun immer auf, aber ich mache mir nichts daraus, denn es muss wahr sein. ...  Herr Tribian hat keinen Schnurrbart, es wäre auch schade, er hat solch hübschen Mund, wenn der verdeckt würde. Wir nennen ihn F.K., das heißt feiner Kerl.
Unser Karl hat mich heute auch noch so geärgert, er hatte meine Schürzenbänder am Stuhl festgebunden, und als ich nun aufstehen wollte, als Herr Tribian kam, konnte ich doch nicht, er hat es aber nicht gemerkt. Karl macht immer viel Dummheiten und bekommt auch viel Prügel, dann tut er mir immer sehr leid, aber Ise kann mächtig hauen. Mein Schwager haut nicht, mein Schwager ist reizend.
Heute habe ich wieder eine recht hässliche Dummheit gemacht. Noch viel mehr ungezogen und unanständig bin ich gewesen. Ach, ich schäme mich auch so und ich habe nun noch solche Kopfschmerzen von dem vielen Bier. Ich trinke es doch sonst gar nicht. Eigentlich, als wir mittenmang waren, war es ganz fein. Die Reue kommt immer hinterher. Ich sagte zu Ise, ich möchte so gerne mal Biersuppe essen. Es ist nicht zu beschreiben, wie helle meine Schwester ist, sie sagte, ich könnte ja leicht mal nach Tießau gehen und Bier holen. Das habe ich bloß gewollt, ich gestehe es zu meiner Schande. Sie wollte mich dann gegen Abend abholen, ich könnte ruhig eine Stunde dableiben. Ich ging dann auch nach Kassens Emma, mit dem Mozartzopf und den roten Backen, prachtvoll rosig sind die. Als ich da war, kam Herr Seebach, das ist ein Bauer im Dorf, der aber nichts mehr tut. Emma Wichtental ließ mich nun nicht gleich fort und weil ich ja auch Zeit hatte, blieb ich noch ein Weilchen. Da kam auch Herr Tribian, und dann wurden wir sehr aufgeräumt, und Herr Seebach sagte, er könne eine Flasche Bier in einem Zug austrinken, und er tat es auch und es ging so schlecht und wir haben soviel gelacht und ich habe zwei Schnitt Bier getrunken und das war doch so unanständig, dass ich da so lange gesessen hatte. Meine Schwester kam dann und holte mich, sie machte auch ein ärgerliches Gesicht, ich bin ganz unglücklich, ich werde nicht wieder hingehen. Wenn das meine Tante Anstand wüsste.
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Ich war gestern mit meiner Schwester in Hitzacker. Wir haben Mariechens Schuhe mitgebracht. Der Schuster ist reich, der hat einen Papagei, der ruft "Herein!". Er sagt auch: "Laat man, laat man", wenn sein Bauer reingemacht werden soll. Meine Schwester hat mir ein Paar Handschuhe geschenkt.
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Am anderen Tag ging ich mal nach Tießau. Emma Wichtental hatte mich bitten lassen, mal runterzukommen, sie lässt sich ein Kleid machen, zu übermorgen. Da gehen wir zum Vergnügen. Herr Tribian hat gesagt, er wäre dazu wieder hier. Ich bin neugierig darauf, aber meine Schwester sagt, wenn er es gesagt hat, kommt er auch.
Also Emma lässt sich ein Kleid machen und ihr Bruder hat gesagt, sie sollte es so machen lassen, wie mein altdeutsches, was ich den Abend in Hitzacker angehabt habe. Ich habe ihr das ausgeredet, denn sie ist viel zu dick und groß dazu. Ich habe den Kragen von meinem schwarzen abgezeichnet und das Muster mitgenommen und ihr einen danach zugeschnitten, den sie sich nun draufsetzen lässt. Ich war gerade fertig, da kam Herr Tribian mit seinem Vater. Wir haben uns so schön was erzählt, der alte Herr Tribian und ich, der junge hat gar nichts gesagt. Er hat sich immer hinter seinen Vater gesetzt und mich angesehen, und ich war sowieso schon verlegen genug. Ich dachte doch, sie wären längst nach dem Wendland, wohin sie gehören. Nun habe ich doch wieder mit zwei Herren in der Gaststube gesessen, aber diesmal war ich ganz sittsam. Ich hatte auch wieder so Herzklopfen, dann kann man schon nicht viel rauskriegen. Ich war wirklich ganz leicht geworden als sie nach kurzer Zeit fortgingen, denn Emma hatte noch andere Wünsche und ich musste noch dableiben.
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Wenn es in den nächsten Tagen so schönes Wetter ist, dann will mein Schwager mal mit mir über die Elbe fahren, ich habe noch in keinem Kahn wieder gesessen seit damals, jetzt werde ich's wohl besser vertragen können. Wir wollen dann am Deich runtergehen bis nach Privelack und da ist die Fähre, da lassen wir uns übersetzen nach Tiesmesland.
Was das bloß alles für Namen sind, die hier die Dörfer haben: Wietzetze, Findenwirunshus, Caarßen, Rassau, Pussade. In Pussade wohnt ein Schulmeister, der setzt sich manchmal zwei Brillen auf, ich habe ihn mal in Dötzingen gesehen, da hatte er aber bloß eine auf. Die Kinder nennen ihn Pußkaterköter. Dahinter liegen noch viele Dörfer mit solchen närrischen Namen. Bei uns gibt es solche nicht, da muss man das Leben eben nehmen wie das Leben ist: Erxleben, Eimersleben, Ursleben, Morsleben, Schakensleben, oh, so viele gibt's. Bumsvalldria! Die Welt ist wunderschön! Das sage ich!!!
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Über die Elbe bin ich auch mit meinem Schwager gefahren, es war wunderschönes Wetter. Ise fuhr auch mit rüber, sie wollte dann den Kahn gleich wieder mit zurücknehmen. Sie sagte, in Radun, auf dem großen See vor ihrer Tür, wäre sie immer allein gerudert. Sie fuhr nun auch mit, und als wir dann drüben waren, wollte sie nicht allein zurück. Mein Schwager wurde ganz ärgerlich, aber es half ihm nichts, er musste sie erst wieder rüberbringen. Ich blieb derweil auf dem Deich jenseits und sah mir das Panorama an, wo mich mein Schwager drauf aufmerksam gemacht hatte. Dann gingen wir den Deich runter nach Privelack. Wir trafen da den Lehrer, der uns erzählte, dass seine Tochter Ostern konfirmiert würde und dass er sich sehr viel Sorgen mache, was er nun mit dem Kinde anfangen solle. Er war ganz traurig darüber, es sei solch gutes Kind. Dann winkte mein Schwager dem Fährmann mit solchem weißen Holzarm, der dazu angebracht ist, und wir fuhren nach Tiesmesland. Waldweg bei Tießau.Wir landeten gerade am Schulhaus, wo aber niemand drin war. Dann gingen wir nach Tießau, wo mein Schwager noch eine Weile Skat spielte. Solche alten Spielratten, wie das hier sind, so machen es doch die Männer bei uns nicht. Herr Tribian spielte auch mit, ich glaube, das ist der schlimmste. Ein paarmal war er auch hier seitdem. Wir ärgern uns immer noch, aber ich meine es wirklich nicht böse und ich will es auch von ihm nicht glauben. Ich glaube, er ist sehr gut. Das braucht aber niemand zu wissen.
Morgen will ich nach Tießau gehen, ich habe Ise ihr graues Kleid auseinandergetrennt, was mit grün besetzt ist. Doris Soltau, die Schneiderin in Tießau, die hat solch Gestell, wo man den Rock draufsteckt. Ise sagt, sie könne so lange nicht stehen, da will ich hingehen und das befummeln. Eines habe ich ihr schon geändert, ein blaues mit Knöpfen wie Bickbeeren, sagt mein Schwager.
Es wird immer schöner hier und ist immer so schönes Wetter, die Annemonen blühen schon. Gestern Abend standen sieben Hirsche auf der Wiese im Tiergarten, darunter ein weißer. Ich kenne den Hirsch nur aus dem Lied: "Es gingen drei Jäger wohl auf die Pirsch, die wollten erjagen den weißen Hirsch." Es sah fein aus, wie sie da standen. Der Eichwald an der Elbe färbt sich noch nicht, der sieht noch ganz grau aus.
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Gestern und vorgestern war Herr Tribian nicht hier, und ich bekam jedesmal so Herzklopfen, wenn die Hunde bellten. Heute war er aber hier, ich habe eine ganze Weile hinter dem Kuhstalle gestanden und dachte, ob er wieder nicht käme. Als er kam, bin ich schnell zurückgelaufen und habe mich sehr geschämt. Er hat mich aber nicht gesehen, überhaupt keiner, ich habe mich bloß vor mir selber geschämt. Ich komme mir jetzt oft vor, als hätte ich einen mit dem Socken gekriegt. Manchmal finde ich es schön und manchmal finde ich es schauderhaft, dass ich immerzu heulen möchte, jetzt zum Beispiel heule ich. Adieu!
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Heute soll Gerste gesät werden und mein Schwager sagte, er hätte Herrn Tribian gebeten, die Gerste über die Elbe zu holen. Herr Tribian kam auch bald nach Tisch, ich war gerade beim Wäschelegen. Wir zankten uns noch eine Weile, ich sagte ihm, er wäre ein Gräuel. Ich glaube, das ist ein sehr schlechtes Wort und er hat sich sehr darüber geärgert, denn er sah mich so groß und streng an und sagte gar nichts mehr, ich meinte es doch aber auch nicht so schlecht und hätte es ihm gerne abgebeten, wenn ich es man könnte bei ihm. Weil ich aber meine Ungezogenheit wieder gutmachen wollte, trug ich die Ruder mit ihm runter nach dem Elbufer. Er tat dann auch gar nicht mehr böse, was ich sehr hübsch fand, er sagte, ich sollte mitfahren. Ich wollte erst nicht, das heißt eigentlich wollte ich schauderhaft gern, aber eine Stimme in mir sagte mir, dass die edlen Frauen, die man fragen soll, was sich ziemt, zweifellos nein gesagt hätten. Aber als er dann noch ein bisschen bettelte, fuhr ich eben mit und tröstete mich damit, dass ja keine edlen Frauen da waren. Angezogen war ich ganz gut mit meinem roten Miederkleid, und einen Hut hatte ich auch auf, also man tau. Elbufer von Tießau.
Er stellte mich dann beim Steuer an, was ich immer verkehrt machte, dann zankten wir uns wieder drum und endlich fuhren wir ganz verkehrt an. Wir holten dann das Zeug von Schwarz, wo ich den ersten Tag das edle Wasser zu trinken bekam. Wir tranken einen Schnitt Bier und trollten uns dann wieder ab, und als nun Herr Tribian den schweren Sack tragen musste, musste ich schlechtes Mädchen lachen und er sagte, er täte es nur für mich, und ich sagte, das wäre dumm, ich hätte doch nichts von der Gerste. Das ist doch auch wahr. Als wir zurückfuhren, waren wir recht lustig. Wir setzten uns auf eine Bank und er gab mir ein Ruder und zeigte wie ich es machen sollte und es ging auch bald fein. Wir plätscherten noch eine ganze Weile auf dem Wasser herum und lachten und schwatzten dummes Zeug und endlich balgten wir doch den Unflätssack aus dem Kahn heraus und setzten uns ans Ufer. Ach, es war so schön, ich war so glücklich, so übermütig, und die Vögel sangen und die Sonne ging so goldig unter und ringsherum sprosste und grünte alles und Annemonen blühten und überall kamen frische Blättchen aus der Erde und ich pflückte alle, die ich reichen konnte und frug ihn wie sie hießen. Weg bei Tiessau.Ich wollte ihn so gern mal reinlegen und dann tüchtig foppen, den wahlweisen Schulmeister, aber ich glaube, dass er grässlich gescheit ist. Er wusste alles, er hätte freilich zehnmal was Falsches sagen können, ich hätte es ja doch nicht gewusst, aber ich merkte doch, dass es richtig war.
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Er sagte, er müsste nach Spölkwerder, die Kinder kämen immer nicht zur Schule, die ollen, schlechten, und er muss sich so darüber ärgern.
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Vorige Woche haben wir auch Kartoffeln verlesen. Die kauft ein Mann in der ganzen Gegend auf und der bringt sie dann nach Hamburg. Ich fasse nicht gern Kartoffeln an, weil es dann in meinen Fingerspitzen immer so krinselt. Wenn ich Kartoffeln schäle, stippe ich die Hände immer ins Wasser, dann fühle ich es nicht. Ich schämte mich aber, Ise zu sagen, dass ich es nicht gern täte. Deshalb habe ich immer in meine Hände gespuckt, da ging es dann auch. Zwei Nachmittage hatten wir auch ein paar Frauen dazu, nun sind wir fertig.
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Dann setzten wir uns auf die Lattenbank unter den hohen Fichten. Als wir eben saßen, brach rums eine Latte entzwei, da hatten wir was zu lachen. Allerlei dummes Zeug haben wir geschwatzt und uns gar nicht gezankt. Er hat aber das meiste gesagt, ich wusste immer nichts.
Dann habe ich die Blumen gepflückt und er frug mich, warum ich es täte, das wäre gerade, als wenn er mich nicht blühen lassen wollte. Fischernetze bei Hitzacker.Ich weiß nicht, was er damit sagen wollte. Dann frug er wieder, ob ich das Gedicht "Der Blumen Rache" nicht kenne. Ich sagte: "Ja, aber die riechen nicht." Dann haben wir uns auf die Erde gesetzt, wo überall das trockene Heidekraut stand.
Es heißt Langen-Rätz, weil die Rätz da fließt und weil der Berg Bauer Lange gehört. Es ist wunderschön da. Und wie wir da saßen, vor uns alle die kleinen Teiche und allerlei Bäume, auch ganz große Wacholderbeeren stehen da, und zwischen den Bergen durch mit ihren dunklen Kiefernbäumen sah man die Elbe fließen und die weißen Segler, und der Himmel war so blau, und mir wurde das Herz so schwer und fing immer mehr an zu klopfen, ich wurde immer stiller. Einmal fiel mir auf, dass Herr Tribian immer auf meine Füße sah. Ich hatte so alte Schuhe an und sagte: "Meine Schuhsohlen sind kaputt." Da lachte er und sagte: "Wenn nur weiter nichts kaputt ist", und ich dachte, ob er vielleicht das Herz meinte, und ich bekam wieder so Angst und sprang auf. Ob wohl ein Herz wirklich kaputtbrechen kann? Eigentlich ist es doch nicht möglich, weil es von Fleisch ist."

( Literatur:  Suses Tagebuch).

Adolf Tribian macht im Jahr darauf seine zweite Lehrerprüfung und nimmt in Strachau auf der anderen Seite der Elbe eine Stelle an. 13 Jahre später zieht es ihn in die Nähe seines Heimatdorfes Dolgow. Wir treffen ihn in Rehbeck wieder, wo er fasst 40 Jahre unterrichten wird.
 
Vorher nehmen wir eine weitere Spur auf und beobachten die Familie des Kapellmeisters Bernhard Kraul in

Jameln.

 

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