Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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1976 Polenreise

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Nach langfristiger Planung und umständlichen Visa-Formalitäten trifft sich die Clique aus dem Wendland mit den Freunden aus Salzwedel in Ost-Berlin, bzw. "Berlin, Hauptstadt der DDR."

Ulli, Bernd, Gammel, Dubjek, Doretta.....

Selbstverständlich stehen sie unter Beobachtung durch die Stasi. Auch für die Westjugendlichen werden Akten angelegt. Die Salzwedeler berichten von Verhören und Repressalien in der Schule. Aber sie sind hart im Nehmen.
Ulli: "Ich denke, wir haben uns damals einfach gegen unsere Eltern und das Schwarz-Weiß-Denken gerade gegenüber dem Sozialismus a la DDR etc. abgegrenzt und hatten Visionen von einer gerechten Welt. Die langen Haare gaben da natürlich auch eine innere Verbindung zu den Salzwedelern. Es war ja auch immer viel Alkohol mit dabei - deswegen fällt mir das auch heute schwer, dies alles einzuordnen.
 
Mir ist die Polenreise - im Jahrhundertsommer 1976 - doch noch ziemlich präsent, ich war 1979 und 1980 ja auch noch mal dort, einmal als Exkursion von der TU Darmstadt und 1979 habe ich in Bialystock ein Praktikum gemacht und war anschließend noch mal in Masuren - seit dem war ich nicht mehr dort."

Der Webmaster hofft auf weitere Berichte. Hier zunächst nur die Fotos.

Tageswanderung in den Masuren.
 
 
 
 
 
 
   
 
Da mir weitere Texte zu dieser Reise noch fehlen, füge ich hier einen anderen Zeitzeugenbericht ein, der die Stimmung unter den Jugendlichen ganz gut wiedergibt. Es handelt sich um originale Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1977. Man wird verstehen, dass ich sie durch Namensänderung anonymisieren muss. Alle Partygäste sind aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg und wohnen zu der Zeit zwecks Studium und Ähnlichem im Land verstreut. Die Psüchow-Pannenberg-Clicke:
 

"1.Oktober 1977 Fete in einer WG in R.heim bei Marburg
Morgens starte ich an der Autobahnauffahrt Othmarschen bei Regen und Hagel, treffe dort eine andere Tramperin und zusammen kommen wir bis Harburger Berge. Erst mittags nimmt uns ein Bandmanager und Clubbesitzer, der deutlich nach Shit riecht, im Mercedes mit und jagt mit 180 bis Hannover. Danach geht's wegen vieler Baustellen nur noch im Schritttempo und in einem Stau gelingt es mir, in einen Marburger Wagen umzusteigen.
Nach weiteren etwas schnelleren Anschlüssen bei Sturm und Regen komme ich abends in R.heim an und erkenne das gesuchte Haus an parkenden DAN-Autos. Angi schleppt mit einem Freund ein Fass Bier ins Haus. Alle anderen sind noch ausgeflogen. Nass und durchgefroren wie ich bin, fällt es mir erst mal schwer hier anzukommen, denn das große Haus ist über drei Stockwerke ein verlassenes Schlachtfeld. Es scheint in Fetenmüll zu ersticken.
Nach und nach reisen aus allen Himmelsrichtungen Gäste an. Manni kommt aus Frankfurt und erzählt von Polizeikontrollen am Frankfurter Kreuz, das zu diesem Zweck vollkommen gesperrt wurde, und von einer brutalen Hausdurchsuchung bei seiner Schwester. Arni kommt mit drei Leuten per Autostop aus Lüchow-Dannenberg und jemand holt sie von Alsfeld ab.
Irgendwo aus dem Dunkeln taucht Kimmi auf und begrüßt mich stürmisch.
Aus Braunschweig erscheinen Rolf und Sonni und zwei weitere mir unbekannte Freunde. Rolf erzählt von seinem Indientrip, von dem er kürzlich zurückgekehrt ist. Berni wohnt mit Kimmi hier im Haus und außerdem noch ein Mathias, der genauso ausgeflippt ist wie Berni und Kimmi. Ein Sebastian gehört noch dazu, fehlt heute aber, weil er noch verreist ist.
Aus Marburg kommen Jan und Basti, der noch unter dem Schock einer erst drei Tage alten ärztlichen Diagnose steht. Es hat ihn auch der Bechterew erwischt und natürlich will er mit mir Erfahrungen austauschen..
Ich kenne hier fast alle und werde von ihnen herzlich aufgenommen, obwohl ich mich nicht recht zu dieser Szene dazugehörig fühle. Vieles verbindet uns, aber für meinen Geschmack lassen sie sich zu sehr in den politischen Weltschmerz fallen.
Alkohol fließt, die knallharte Musik wird lauter und Diskussionen werden durch Stimmungssprüche abgelöst: "He Typ, wer hat dich eingeladen?" "Hast du überhaupt Vollmacht?" "Wer hat den Shit geklaut?" "Schenk mir mal reinen Wein ein?"
Es gelingt mir nicht, in diese lose Stimmung zu kommen. Ohne Alkohol bin ich verbissen und mit Alkohohl werde ich nur müde. Stattdessen laufe ich mit dem Fotoapparat rum und versuche in der herrschenden Fastdunkelheit diese Szene einzufangen.
Mit der einen oder anderen Frau würde ich gern ins Gespräch kommen. Finde aber keinen Ansatzpunkt. Kimmi macht es mir vor. Er geht ganz schön redselig ran, vielleicht etwas plump aber immerhin. Später verschwindet er plötzlich mit einigen Frauen nach Marburg in eine andere WG und erscheint erst am Montag wieder.
Ich sollte den Kontakt intensivieren, um hier vielleicht etwas von der Verbissenheit in der Hamburger Szene abzuwerfen. Einige der sympathischen Leute sind allerdings ganz schön kaputt und dem Alkohol- oder Drogenabgrund näher, als oberflächlich zu erkennen ist.
Gegen 2.00 Uhr verziehe ich mich mit Schlafsack in ein leeres dunkles Zimmer, nicht gerade zufrieden mit mir aber auch nicht zu sehr frustriert.
Am Sonntagmorgen scheint es zunächst kaum möglich, in diesem Müll- und Leergutchaos zu frühstücken. Es gelingt aber jemandem, einen Tisch zu säubern und ein paar Tassen abzuwaschen. Kimmi bietet einen großen Berg Kuchen von den Eltern aus Lüchow an. Bald wird wieder heiße Undergroundmusik aufgelegt wie Bodo Ballermann. Es ist auch noch Bier da und die Stimmung kommt wieder auf.
Sonni und Rolf müssen heute noch wieder nach Braunschweig. Angi hat seinen Bus nach Berlin verschlafen und will nun irgendwie anders so schnell wie möglich nach Berlin. Ich hätte zwar noch Zeit und brauche nicht so bald in Lüchow anzukommen, aber es bietet sich an, dass ich bis Braunschweig den Fahrer mache, weil Rolf schon wieder reichlich getankt hat und Sonni ungern fahren will. Da ist noch eine Sonja, die ich noch nicht kenne und die auch nach Lüchow will.
Im Prinzip wollen wir früh losfahren (warum eigentlich?), verschieben es aber immer wieder. Rolf: "Noch´n Bier!" "Noch´n Uso!" "Noch einmal Bodo Ballermann!" "Mein Wort zum Sonntag das heißt `Scheiße`." Ton, Steine, Scherben: Sklavenhändler.  Franz K. ...
Ich spiele eine Serie Oldies und leg `ne Tanz-Session ein. Kimmi wird plötzlich ganz niedergeschlagen, weil wir schon vor seinem Geburtstag alle wieder abhauen wollen. Es tut mir Leid und ich bin in einer Zwickmühle.
Mit vielen Gefühlen und dem allgemeinen Weltschmerz geht es hin und her, bis wir uns gegen 19.00 Uhr doch zur Abfahrt entschließen.
Ich fahre die Strecke bis Braunschweig. Hinten sitzen Sonni, Angi und Sonja und neben mir sitzt Rolf mit einer Batterie Bierflaschen und hält mich mit seinem Geflachse wach. Rolf scheint mir ein Mensch zu sein, der alles schwer nimmt, oberflächlich den Unterhalter spielt, aber von seiner Umwelt zu Hause missachtet, ausgestoßen, kaputt gemacht wurde. Immer am Rande der psychischen Existenzfähigkeit rafft er sich doch wieder auf. Irgendwie hat er mit letzten Kraftreserven sein Fachabi geschafft, einen Trip nach Indien eingelegt und ist begeistert zurückgekommen, mit dem Plan, bald drei Jahre auf Weltreise zu bleiben, aber vorher erst mal sein Praktikum in Braunschweig zu machen und vom Alkohol wegzukommen.
Rührend wird er von seinen Freunden umsorgt und fällt doch immer wieder mal drei Tage in Suff. Dabei immer in Ordnung, nie ausfallend, immer lustig und Stimmung machend. Vielleicht ist gerade das der Grund für den Alkohol. In heiterer Gesellschaft wird er anerkannt, steht im Mittelpunkt und ist beliebt.
Nach zügiger Fahrt in Rolfs R4 durch Nacht und Regen erreichen wir gegen 23.00 Uhr Sonnis Wohnung in Braunschweig, eine gepflegte WG, wie ich es von Hamburg gewöhnt bin. Auch die Leute hier sind sehr in Ordnung, kümmern sich rührend um Rolf, tischen ihm aber wieder reichlich Uso auf, so dass er gegen 1.30 Uhr wirklich voll ist. Wir müssen aber noch weiter. Der Aufbruch ist äußerst schwierig, doch dann hält Rolf sich wieder aufrecht, so dass wir auf Anhieb seine Wohnung finden und er so gar noch aufschließen kann. Diese Behausung im zweiten Stock ist sehr spartanisch. Toilette gibt es nur unten im Hof und deshalb wird ins Waschbecken gepinkelt. Sonja ist etwas pikiert.
Es findet sich noch eine Flasche Weißherbst und Rolf erzählt weiter vor sich hin, während Angi, Sonja und ich in unseren Schlafsäcken wegratzen."

 

 

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